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8. Symposium des Arbeitskreises für Vormoderne Literatur Japans

2./3. November 2007 in Köln

Medien und kulturelle Erinnerung

Veranstaltungsort: Universität zu Köln, Abt. Japanologie

Konzeption/Organisation: Robert F. Wittkamp (Ôsaka/Köln)


Als Textgrundlage des folgenden Treffens gilt:
Astrid Erll (2005): Literatur als Medium des kollektiven Gedächtnisses. In: Erll, A. und Ansgar Nünning (Hg.): Gedächtniskonzepte der Literaturwissenschaft (Walter de Gruyter, Medien und kulturelle Erinnerung [MCM 2, = Bd. 2]), S. 246-276.
Der Sammelband, dem dieser Text zugehört, erarbeitet drei - bzw. vier - literaturwissenschaftliche Herangehensweisen an den Nexus von Literatur und Erinnerungskulturen:Das Thema zielt somit (tendenziell) auf den letzteren Arbeitsbereich ab. Die Herausgeber des Sammelbandes schreiben dazu:
Das dritte hier vorzustellende Gedächtniskonzept - 'Literatur als Medium des Gedächtnisses' - ist vergleichsweise jung und übt in der Literaturwissenschaft (noch) nicht in dem Maße Einfluss aus wie die beiden zuvor genannten. Es ist ein besonderes Anliegen sowohl der Reihe Media and Cultural Memory / Medien und kulturelle Erinnerung als auch speziell dieses Bandes, die Diskussion um die 'Gedächtnismedialität' literarischer Werke zu befördern [...]. Die Anschlussfähigkeit der Literaturwissenschaft an die interdisziplinäre Gedächtnisforschung ist eng an eine solche Konzeption von Literatur als Gedächtnismedium geknüpft. In dieser Perspektive konstituiert sich Literatur als ein Medium, das nicht nur auf Gedächtnisprozessen beruht ('Gedächtnis der Literatur') oder Gedächtnis darstellt ('Gedächtnis in der Literatur'), sondern das überdies auch 'Gedächtnis' - von kulturspezifischen Schemata über Vergangenheitsversionen bis hin zu Vorstellungen zu den Funktionsweisen des Gedächtnisses - in der Erinnerungskultur vermittelt. Dieses dritte Gedächtniskonzept macht die bereits erfolgte literaturwissenschaftliche Gedächtnisforschung keineswegs obsolet - ganz im Gegenteil: Bestehende Konzepte werden integriert, dabei aber erinnerungskulturwissenschaftlich reformuliert. Die Leitfragen lauten nun: Wie können Intertextualität, Topik, Gattungskonventionen, Kanonisierungsprozesse oder die literarische Darstellung von Erinnerungsprozessen dazu beitragen, dass Literatur als Medium in der Erinnerungskultur Wirkung entfaltet? (S. 5)
Damit erweist sich der Grundlagentext als eng genug, angesichts der Weite des Problemfeldes einem Ausufern entgegenzuwirken, andererseits aber die Anschlussmöglichkeiten zu garantieren, die für einen immerhin inhaltlich ca. 1000 Jahre umfassenden Arbeitskreis Vormoderne Literatur notwendig wären. Betont werden sollte dabei, dass es um den Beitrag der erinnerungskulturwissenschaftlichen Literaturwissenschaften für die vormodern orientierte Japanologie und zugleich um deren Beitrag für jene Literaturwissenschaften geht. Den kann eine (kulturwissenschaftliche) Japanologie gewiss leisten, wenn es bei dem Thema zwar um „Literatur“ geht, dabei meist jedoch der europäische, oder: „abendländische“ Kulturkreis angesprochen ist. Gerade für die Medienwis- senschaften wäre eine „De-Eurozentrierung“ wichtig, da diese meist mit anthropologischem bzw. universellem Anspruch auftreten.
Weiterhin möchte ich darauf hinweisen, dass es sich bei dem Thema „Gedächtnis und Erinnerung“ zwar mittlerweile tatsächlich um ein - gelinde gesagt - „neues Paradigma der Kulturwissenschaften“ (Jan Assmann) handelt, hinsichtlich der „Literatur als Literatur“ gerade aber einmal „Pionierarbeiten“ geleistet wurden (und zwar vornehmlich von der „Gießener Schule“). Dieses soll die Kritik Birgit Neumanns - Mitarbeiterin am SFB 434 'Erinnerungskulturen', Autorin von MCM 3 - an der „Assmannschen Theorie“ verdeutlichen:
Bei aller Produktivität, die die [Assmansche] Perspektivenerweiterung gerade für kultur- und literaturwissenschaftliche Fragestellungen besitzt, ist jedoch zweierlei zu bedenken: Zum einen hat die praktizierte Beschränkung auf die normative Funktionalität von Texten einen Ausschluss des Großteils literarischer Produktionen zur Folge. Zum anderen bedeutet sie auch, Literatur unterschiedslos neben andere Gedächtnismedien zu stellen und sie damit ihres wesentliches Merkmals zu berauben: nämlich der ihr eigenen Vieldeutigkeit. Die Beschränkung auf kanonische Texte verweist auf ein tiefer liegendes Problem des Assmannschen Ansatzes, nämlich des Postulates eines singulären kulturellen Gedächtnisses mit der dazu gehörenden substantiellen Kollektividentität. Diese Homogenisierung scheint allerdings kaum dazu geeignet, der zunehmenden Pluralität von Kollektivgedächtnissen, den Rissen und Verwerfungen innerhalb der Vergangenheitsauslegung heutiger, zunehmend multikultureller Gesellschaften Rechnung zu tragen. In zeitgenössischen Erinnerungskulturen überlagern sich vielfältige kollektive Gedächtnisse, die eigene Identitäten imaginieren und um gesellschaftliche Erinnerungshoheit konkurrieren. [...]
Allerdings stellt der Assmannsche Ansatz fiktionale Texte unterschiedslos neben die Medien anderer Symbolsysteme und nivelliert damit die Besonderheiten von Literatur als eigenständige Ausdrucksform kollektiver Sinndeutung. Hinzu kommt, dass mit dieser Theoriebildung nur solche Werke zu fassen sind, die Teil eines etablierten Literaturkanons sind und für die Erinnerungskultur höchstens normative Vorstellungen von Identität vermitteln. Der Beitrag, den Literatur zur Erinnerungskultur leisten kann, reduziert sich allerdings weder auf einen Bildungs- kanon noch erschöpft er sich in der Perpetuierung eines gesamtgesellschaftlich verbindlichen Selbstverständnisses.
Hier wurde in extensis zitiert, um Anregungen zu geben und mögliche Fragestellung zu präzisieren.
Zu bedenken ist weiterhin, dass sich die erinnerungskulturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der „Literatur“ oftmals auf das „Kommunikations- oder Sozialsystem Literatur“ abzielt, das sich erst im 18. und 19. Jahrhundert ausdifferenzierte. Das ist bei vielen neueren literaturtheoretischen Studien der Fall - mit der Konsequenz, dass diese nicht unmittelbar auf den vormodernen Textkorpus Japans appliziert werden können, da es sich möglicherweise um ein anderes Selbstverständnis der Literatur handelt. Hier Universalia und Kulturrelevanz herauszuarbeiten, besitzt - vermutlich - für die gedächtnisorientierten Kulturwissenschaften, erst recht jedoch für die Medienwissenschaften besondere Attkraktivität.
Eine weitere Anregung sei genannt: Das Thema 'Medien und kulturelle Erinnerung' bietet gerade in Hinblick auf Birgit Neumanns Kritik die Möglichkeit und Notwendigkeit zur Präzisierung der Spezifizität von Literatur (Literarizität) vor der Folie von Intermedialität (vgl. hierzu den Aufsatz von Kirstin Dickhaut 'Intermedialität und Gedächtnis' in MCM 2). Das dürfte die Auseinandersetzung mit japanischer Lyrik ansprechen, wobei z.B. eine starke „Bildhaftigkeit“ gewiss andere literarische Texte ebenso auszeichnet. Die Frage nach der Spezifizität von lyrischen oder Prosatexten ist vermutlich nur komparativ, d.h. vor dem Hintergrund anderer kultureller „Texte“ (Objektivationen) wie Bilder oder Theaterstücke beantwortbar. Das käme dem Thema gerechter und sollte zugleich einen größeren Interessentenkreis ansprechen. Für weitere Anregungen sei mit Nachdruck auf die Bände der Reihe Medien und kulturelle Erinnerung (MCM) verwiesen. Besonders MCM 2 bietet Handbuchartikel zu Themen wie Gedächtnismetaphorik, Topik-Forschung, Intertextualität, literarische Gattung und Gedächtnis, Mimesis des Erinnerns, Intermedialität und mehr.
Auch dies sei schließlich mit Nachdruck geschrieben: Wir möchten besonders den Mittelbau und die an Literatur und „Kultur“ interessierten Studierenden ansprechen - sowohl als aktive Beiträger/innen, wie auch als Zuhörer/innen. Es geht nämlich einfach nicht an, dass eine sich als Kulturwissenschaft verstehende Japanologie zunehmend glaubt, auf vormoderne Literatur verzichten zu können (symptomatisch hierzu die Sektion Literatur auf dem letzten Japanologentag)! Das gilt wohl umso mehr für die Forschung zu Erinnerungskulturen.
(Robert F. Wittkamp)

Konzeption und Organisation der Tagung: Robert F. Wittkamp (Kansai University, Ôsaka). Anfragen und Anmeldungen bitte direkt an wittkamp@ipcku.kansai-u.ac.jp.

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