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Programm und Bericht des 7. Treffens des Arbeitskreises am 17./18. November 2006 in Berlin:

„Das Imaginäre in der vormodernen Literatur Japans“

Tagung des Arbeitskreises für Vormoderne Japanische Literatur am 17. und 18. November 2006
Freie Universität, Japanologie, Ehrenbergstr. 26-28, 14195 Berlin (Raum 009)

Aktuell: Teilpublikation der Tagung

Erschienen als Sonderteil in NOAG 183–184 (2008 [2009]) unter dem Titel Das Fiktive und das Imaginäre in der vormodernen Literatur Japans; hrsg. und eingeleitet von Jörg B. Quenzer, mit folgenden Beiträgen:
Jörg B. Quenzer: „Fiktion und Liebe im Genji monogatari“, S. 61–73
Heidi Buck-Albulet: „Konzepte des Uneigentlichen in der klassisch-japanischen Rhetorik im Mittelalter und in der frühen Neuzeit“, S. 75–92
Nicole Fujimoto: „Yôkai und das Spiel mit Fiktion in der edozeitlichen Bildheftliteratur“, S. 93–104
Andreas Regelsberger: „Schauspielerkörper, Puppenkörper und die Stimme des Rezitators: Zur Imagination in Kabuki und Jôruri“, S. 105–116


Ursprüngliches Exposé:
Die Methodendiskussion der letzten Jahrzehnte hat den herkömmlichen Begriff der Einbildungskraft, dessen Hochzeit noch in der Romantik zu suchen ist, endgültig abgelöst durch das „Imaginäre“. Es sind derzeit vor allem zwei Strömungen, die diese Entwicklung vorantreiben: zum einen die entsprechende Diskussion in der Rezeptionsästhetik, angeführt von Wolfgang Iser, welche neben der Fiktion die Imagination als unentbehrliches Element für das Gelingen des literarischen Textes zu beschreiben versucht, und zum andern eine stärker der Kulturgeschichte verbundene Forschungsrichtung, die sich vor dem Hintergrund der Mentalitätsgeschichte den Imaginationen als „sozialen Vorstellungswelten“ zuwendet. Der Blick in die vormoderne japanische Literatur – hier verstanden als Gesamtheit der literarischen Zeugnisse bis zur Öffnung des Landes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – zeigt die Bedeutung dieses Themas. Die Tagung setzt sich zum Ziel, ausgehend von der theoretischen Position Wolfgang Isers die Rolle des Imaginären in der vormodernen japanischen Literatur aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und für die eigene Forschung nutzbar zu machen.

 
Freitag
15.00Eröffnung und Einleitung durch Prof. Dr. Irmela Hijiya-Kirschnereit
15.15 Eingangsdiskussion (Leitung und Eingangsreferat: Jens Heise, Berlin)
16.30Kaffeepause
17.00Simone Müller (Zürich)
 Fiktion, Imagination und „Aufrichtigkeit“ in der klassischen japanischen Traumlyrik
18.00Jörg B. Quenzer (Hamburg)
 „Akte des Fingierens“ im Genji monogatari

 
Samstag
9.00 Heidi Buck-Albulet (Tübingen)
  „… als fände man sie reizvoll …“ – Konzepte des Uneigentlichen in der klassischjapanischen Rhetorik
10.00Judit Árokay (Berlin)
  Poetologische Reflexionen über das Schöpferische in der späten Edo-Zeit
11.00Kaffeepause
11.30Andreas Regelsberger (Frankfurt)
 Schauspielerkörper, Puppenkörper und die Stimme des Rezitators: zur Imagination in Kabuki und Jôruri
12.30Mittagspause
14.30Jutta Haußer (München)
  Zwischen Phantasie und Imagination: Begegnungen in den wundersamen Reisen des Shidôken bei Hiraga Gennai
15.30Nicole Fujimoto (München)
  Wie „fingiert“ man Gespenster? – Fiktion und das Spiel mit Fiktionsebenen in der edo-zeitlichen yôkai-Bildheftliteratur
16.30Kaffeepause
17.00 Abschlussdiskussion

Abschlußbericht:

Thema des mittlerweile 7. Treffens des Arbeitskreises für vormoderne Literatur Japans war das "Imaginäre" --- sowohl verstanden als Relationsbegriff zum Realen und Fiktiven, wie ihn der Literaturwissenschaftler Wolfgang Iser geprägt hat, als auch als wichtiges Konzept der Kulturgeschichte.
Als Einstieg in die theoretische Diskussion wies Jens Heise (Berlin) auf die beiden großen geistesgeschichtlichen Traditionen hin, vor denen Isers Versuch einer "literarischen Anthropologie" (so der Untertitel einer seiner Hauptarbeiten zum Thema) zu situieren sei: Rezeptionsästhetik und Anthropologie. Dabei stellte er besonders den Charakter der Sprache als eines Grenzbegriffs heraus. Eine Frage in der anschließenden Diskussion, die auch bei den folgenden Beiträgen immer wieder aufgegriffen wurde, betraf die „Selbstanzeige“ der Fiktion, d.h. diejenigen sprachlichen Merkmale, anhand derer die doppelte Überschreitung - der Realität sowie zugleich des Imaginären in das (sprachlich) Fiktive - erkenntlich wird.
In einem ersten Beitrag diskutierte Simone Müller (Zürich) anhand des Izumi Shikibu nikki verschiedene Herangehensweisen, anhand derer in der japanischen Literaturwissenschaft Fiktionalität resp. Nicht-Fiktionalität festzumachen versucht werden, und hob dabei auf die Vieldeutigkeit des verwendeten Fiktionalitätsbegriff ab.
Eine recht frühe Thematisierung des Problems der Fiktion im Verhältnis zur Literarizität von Prosatexten findet sich im Genji monogatari. Jörg B. Quenzer (Hamburg) stellte die relevante Passagen und ihre Implikationen vor, um in einem zweiten Ansatz anhand narratologischer Strukturen auf einige Elemente der "Als-ob"-Struktur des Werkes hinzuweisen.
Die beiden folgenden Beiträge analysierten vor allem poetologische Materialien aus der Edo-Zeit: Heidi Buck-Albulet (Tübingen) zeigte anhand einer Diskussion der poetologischen Begrifflichkeit bei Motoori Norinaga, wie der Wirklichkeitsgehalt der Dichtung über die Intention des Dichters zu garantieren versucht wird. Judit Árokay (Berlin) arbeitete u. a. anhand der Schriften von Ozawa Roan und Kagawa Kageki heraus, wie das Schöpferische erstmals als menschliches Vermögen verstanden wurde, und wies auf den Zusammenhang mit der Entstehung eines allgemeinen Literaturbegriffs/-verständnisses hin.
Andreas Regelsberger (Frankfurt) wies anhand einer Analyse theoretischer jôruri-Texte auf die doppelte Fiktionalität von Sprache (Text) und Aufführung (Körper) hin und machte vor allem die "Stimme" als wesentliches Schwellenelement deutlich.
Die beiden abschließenden Beiträge befaßten sich vor allem mit dem Imaginären in kulturgeschichtlicher Hinsicht: Jutta Haußer (München) zeigte anhand des Werkes Fûryû Shidôkenden von Hiraga Gennai die Funktionen imaginärer Welten und ihre intertextuellen Bezüge auf, vor allem die Funktion des Ironisch-Gebrochenen (kokkei). Nicole Fujimoto (ebenfalls München) diskutierte die Besonderheit der yôkai-Tradition, imaginäre Gestalten gerade ohne imaginäre Welten resp. Handlungsschemata zu präsentieren, unter anderem anhand ihrer intermedialen Umsetzung durch Illustrationen.
In der abschließenden Diskussion wurde nochmals deutlich, daß das Isersche Modell wenn dann nur in rezeptionsästhetischer Hinsicht für Texte oder Konzepte der vormodernen Literatur brauchbar war.
Das nächste Treffen des Arbeitskreises wird sich voraussichtlich mit dem Thema "Medien und kulturelle Erinnerung" befassen, ein entsprechender "Call for papers" wird frühzeitig über die J-Studien bekanntgegeben.

(Protokoll: J.B. Quenzer)